Dr. Bernhard Kummer
Die germanische Weltanschauung nach altnordischer Ueberlieferung
Nachdruck von 1930, 28 Seiten, A5 Format, geheftet
Was uns berechtigt, gerade jetzt die Blicke unseres Volkes in so ferne, vorchristliche Vergangenheit zurückzuwenden, ist eine kulturgeschichtliche Erkenntnis von umstürzender Bedeutung. Als Oswald Spengler sein berühmtes Werk über den Untergang des Abendlandes schrieb, nahm er keine Notiz davon, daß unser germanischer Menschenschlag Jahrtausende kulturellen Lebens hinter sich hatte, als der Zwang der römischen Kirche und die überwältigende Fülle fremden Lernstoffes den großen Kulturbruch und Glaubenswechsel herbeiführte, der die "faustische" Kultur schuf. Ungeachtet aller Fortschritte einer allzu akademischen und verschlossenen Germanenkunde konnte Spenglers genialer und selbstherrlicher Geist den germanisch-faustischen Kulturkreis in die germanischen Länder einzeichnen, ohne zuvor in der Urwalddämmerung germanischer Vorgeschichte dem "barbarischen Menschenmaterial" nachzufragen, dem Rohstoff, der nun im Untergang des Abendlandes verbraucht erschien. Was die Germanen waren, ehe sie "faustisch" wurden, kümmerte ihn wenig, denn seine Leser glaubten noch an die Legende, daß unsere kulturgeschichte und unser Menschentum unter dem Kreuz der Mission begann. Wir haben unterdessen unter Schmerzen ein weiteres Stück des abendländischen Unterganges erlebt. Wir stehen mit Bewußtsein in einem neuen Kulturbruch und Glaubens wechsel. Aber wir überlassen nicht mutlos die Schöpfung der neuen Kultur mit Spengler unverbrauchteren Völkern des Ostens, wir schauen auf unser eigenes Menschentum, denn wir wissen, daß dieses Menschentum vor über tausend Jahren einen ganz ähnlichen Kulturbruch überstand, und daß seine kulturschaffende Kraft nicht mit der "fäustisch-christlichen" Kultur geboren wurde und deshalb auch nicht mit ihr sterben muß. Wir glauben dem gelehrten Adam von Bremen nicht mehr, wenn er sagt, die Menschen des Nordens vermochten nur mit den Zähnen zu knirschen, bis sie lernten, ein Hosiannah anzustimmen, sondern wir überzeugen uns an wissenschaftlicher Forschung, daß das Evangelium auch hier nicht Tieren, sondern Menschen gepredigt worden ist, und daß Gott auch im Norden ganze Menschen schuf, die mit selbständigem Gewissen Sitte schaffen und Gott erkennen konnten. Und wir schöpfen aus dieser Erkenntnis den zuverlässigen Trost: Was damals den Kulturbruch überstand und jugendlich des fremden Neuen sich bemächtigte, kann auch heute den Verfäll überstehen. Bleiben kann auch heute der germanische Mensch, sein Erscheinungsbild, sein selbständiges Gewissen, seine eingeborene Frömmigkeit, dazu seine Landschaft, seine Lebenslust, seine Scholle Erdgeruch und seiner Sterne Glanz....
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